Auszüge aus: Montag, 2. Februar, Norderney
Blitze zuckten in den Wolken, ferner Donner grummelte. Ein riesenhafter Schwarm Möwen bewegte sich ruhelos am Himmel. Wie aufgescheucht flatterten die Vögel umher,
anscheinend ohne Sinn und Ziel. Lars Pirius, der im Liegerollstuhl im Wintergarten lag, wandte seinen Blick von dem Schauspiel ab und beobachtete die Nachbarin Thomke, die ihr Fahrrad Richtung
Gartenschuppen schob. Sie stemmte sich gegen den Wind, der Schal flog ihr ins Gesicht. Nachdem sie das Rad abgestellt hatte, um die Tür des Gartenhäuschens aufzuschließen, fiel es mit einem Scheppern
um. Im Wintergarten zog es, ein kalter Windstoß ließ ihn frösteln. Beeil dich, Thomke, es wird nicht mehr lange dauern, bis ein heftiges Unwetter niedergeht, dachte er. Eine Ahnung von kommendem
Unheil ergriff ihn, ohne dass er benennen konnte, was es war. Hatte die heutige Therapiestunde etwas in ihm aufgewühlt, das nun in seinem Unterbewusstsein weiterwirkte?
Die Zweige des Strauchs am Rande der Terrasse bogen sich in der steifen Brise, die das Meer vor Norderney aufpeitschte. Lars stellte sich die weißen Gischtkronen vor, denn sehen konnte er die Nordsee
von hier aus nicht. Früher hatte er gerne in den hohen Wellen gesurft, wenn ein Sturm aufkam, seine Kräfte mit den Elementen gemessen, bis er kapitulieren musste. Früher – bevor seine Welt auf
begrenzte Ausblicke in die unmittelbare Umgebung zusammengeschrumpft war. Ironie des Schicksals: Nach einer Herzmuskelentzündung hatte er aufgehört zu rauchen, seinen Alkoholkonsum reduziert und auf
gesunde Ernährung geachtet. Sein Arzt befand beim Gesundheitscheck, er sei auf einem erfreulichen Weg und für seine 61 Jahre erstaunlich fit. Und dann: die Katastrophe.
Ein Schellen der Türklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Kurz darauf betrat seine Pflegerin Irina, eine stämmige Frau mit helmartig frisierten, weißblonden Haaren, zusammen mit einer Fremden den
Raum. Sie machte ihn mit knappen Worten mit ihrer Freundin Zofia bekannt und schob ihn im Rollstuhl ins Esszimmer. Die beiden quatschten unaufhörlich, während Irina ihm nachlässig das Mittagessen
anreichte.
Er hätte sich beschweren können, sagen können, dass sie ihren Tratsch verdammt noch mal in Irinas Pause verlegen sollten. Aber da war es wieder: das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben
verloren zu haben, die Hilflosigkeit, die ihn seit seinem Unfall vor eineinhalb Jahren beherrschte. Neben der Depression. Von einem Tag auf den anderen war er vom begeisterten
Freizeitsportler und erfolgreichen Inhaber eines renommierten Hotels zum Pflegefall geworden. Irina kümmerte sich von morgens an um ihn, bis seine Frau Kim am späten Nachmittag von der Arbeit
zurückkehrte. Welche Ansprüche konnte jemand stellen, der für alle nur noch eine Last war?
Irinas breiter Mund schloss und öffnete sich in schneller Folge. Sie sprach auf Polnisch mit ihrer Freundin, schaute kaum hin, während sie ihn fütterte. Was war bloß so wichtig, dass es nicht bis
nach dem Essen warten konnte?
Als ihm damals dämmerte, dass er es nie wieder aus dem Rollstuhl schaffen würde, hatte er nicht mehr gewollt. Kim wich aus, wenn er sie anbettelte, ein Ende zu machen. Stattdessen schlug sie ihm
wenige Wochen nach dem Unfall im November des vorletzten Jahres eine Psychotherapie vor. Auch über das eigene Ableben besaß er also keine Kontrolle: Er war verdammt weiterzumachen. Zunächst hatte er
sich verweigert. Was sollte diese Art von Therapie an seiner objektiv entsetzlichen Lage ändern?
Überhaupt – Kim. Was sah sie jetzt noch in ihm? Ihren Ehemann? Und selbst wenn er noch etwas hätte empfinden können – sehnte sich Kim nach Sex mit jemandem, dem sie die Windeln wechseln musste? »Sagt
man nicht Windel, sondern Inkontinenzhilfe«, belehrte ihn Irina regelmäßig mit ihrer harten Aussprache. Er hasste die Beschönigung seiner Lage, nannte die Dinge lieber beim Namen: Lätzchen, Füttern,
Windel. Kim war früher oft sehr eifersüchtig gewesen – zu Recht, denn er hatte nichts anbrennen lassen. Jetzt konnte sie seiner sicher sein. Er würde sie nie verlassen, das stand fest. Wie es ihr mit
alldem ging? Er wusste es nicht, ahnte nur, dass sie sich emotional von ihm entfernte. Wo war die leidenschaftliche Frau geblieben, die er geheiratet hatte?
Auszug aus: Samstag, 28. Februar, Norderney
Dominik setzte sich auf eine Mauer und zog sein Handy aus der Jackentasche. Atemlos lauschte er dem Freizeichen. Endlich hörte er die tiefe Stimme des Auricher
Kommissars.
»Frieso, gut, dass ich dich erwische. Ich nehme an, du hast mein Alibi inzwischen überprüft.«
»Deine Kollegin hat vehement bestritten, dass deine Arbeit langweilig sei. Es wäre immer alles hochgradig spannend bei euch in Bielefeld.« Lachen drang an sein Ohr. »Und jetzt willst du alles über
den Fall wissen und was Kim zu erwarten hat?«
»So ungefähr.«
»Ich will ehrlich sein: Es sieht nicht gut aus für deine Freundin. Und was ich dir jetzt sage, bleibt unter uns, ist das klar? Ich lehne mich da ziemlich weit aus dem Fenster, aber ich vertraue dir,
also …«
»Versprochen, ich verrate niemandem etwas, auch nicht Kim.«
»Also gut. An der Leiche wurden fünf feine Einstiche im Rumpfbereich gefunden und um die Einstichstellen Spuren von Insulin. Schwein gehabt, dass die Leiche erst vor Kurzem beigesetzt wurde.«
Dominik wurde schwindelig. Eine Möwe landete vor ihm auf dem Pflaster und tippelte näher, beäugte ihn.
Seine Sicht verschwamm.
»Dominik, bist du noch dran?«
»Ja … ich … Es war also Mord.« Dominik stöhnte. »Tatsächlich Insulin … «
»Ja. Kim Pirius hat bei ihrer ersten Vernehmung von einem Ausritt gesprochen, aber keinen Alibizeugen nennen können. Dafür gibt es einen Zeugen für die Tat. Ein Nachbar von ihr, der zur fraglichen
Zeit mit seinem Hund spazieren ging und eine schlanke Gestalt im Wintergarten bemerkte, die sich über ihren Mann beugte. Und zwar mit Schirmmütze, OP-Maske, Sonnenbrille und Gummihandschuhen, was er
befremdlich fand.«
»Befremdlich, ja«, wiederholte Dominik, der das immer noch nicht fassen konnte.
»Zweifellos. Dieser Zeuge dachte zuerst, es handele sich um eine neue Pflegekraft, aber die Sonnenbrille passte nicht, da es an diesem Tag düster war und er sich beeilte, nach Hause zu kommen, weil
ein Gewitter drohte. Ob Männlein oder Weiblein, konnte er nicht sagen.«
»Verstehe. Ich möchte dich nur bitten, nicht einseitig zu ermitteln.«
»Es ist zwar schon lange her, dass wir mehr miteinander zu tun hatten, aber so gut solltest du mich kennen, Dominik.«
»Mir ist das zu plakativ mit diesen leeren Pens. Wenn ich jemanden auf diese Weise umgebracht hätte, dann nähme ich die Pens doch alle mit! Gerade in dem Wissen, dass Insulin in vielen Fällen nicht
mehr nachweisbar ist und feine Einstiche schnell übersehen werden!«
»Dümmer als die Polizei erlaubt, meinst du?« Frieso lachte. »Aber was, wenn der Täter gestört wurde und schnell flüchten musste? Ein Geräusch an der Tür, jeden Moment kann die Pflegerin reinkommen,
keine Zeit
mehr, alle Pens einzusammeln.«
»Das wäre natürlich möglich …«
»Nach Angabe von Irina Dabrowski lagen zwei Pens gut sichtbar auf dem Boden, obwohl es fünf Einstiche gab. Die habe Kim gleich eingesteckt. Einen entdeckte Irina später unter dem Bett. Möglicherweise
hat der Täter die Pens bei der Flucht verloren oder übersehen.«
»Oder platziert. Ihr seid im Besitz der leeren Pens?«
»Deine Freundin hat sie in den Müll geworfen. Frau Dabrowski dagegen hat den Pen, den sie unter dem Bett fand, behalten und übergeben.«
»Fingerabdrücke?«
»Die von Frau Dabrowski und die von Kim Pirius. Der Pen muss aus Kims Vorrat stammen – Fabrikat und Chargen-Nummer stimmen überein. Leider sind mögliche andere Spuren längst beseitigt worden. Der
Aussage der Pflegerin zufolge wurde der Raum seither mehrfach geputzt. Aber die Spurensicherung sucht noch die Umgebung ab.«
»Übrigens habe ich gehört, dass es da einen Sohn des Opfers gibt. Vermutlich wird er einiges erben.«
»Philipp Pirius, ich weiß. Der Staatsanwalt hat deswegen bereits einen richterlichen Beschluss beantragt zur Aufhebung des Notargeheimnisses. Was wir jetzt schon wissen: Es existiert eine
Risiko-Lebensversicherung des Opfers über einen ziemlich hohen Betrag, die Pirius zugunsten seiner Frau abgeschlossen hat.«
Das verbesserte Kims Situation in den Augen der Polizei nicht gerade. Aber auch so lag ihr Motiv auf der Hand: Sie musste sich nicht mehr um ihren pflegebedürftigen Mann kümmern und konnte sich ganz
ihrem neuen Freund widmen. Dazu das fehlende Alibi …
Auszug aus: 6. März, Norderney
Das Ganze hatte am Tag davor mit einer Mitteilung von ihr angefangen.
Für uns gibt es jetzt keine Hindernisse mehr. Lass dich, so schnell es geht, versetzen und uns zusammenziehen! Mein Haus ist groß genug für uns beide. Wann kannst du nach Norderney übersiedeln?
Zunächst war er überrascht gewesen, denn sie hatten schon früher darüber gesprochen. Er hatte ihr erklärt, dass er erst umziehen werde, wenn Lissa, die kurz vor den Abiprüfungen stand, ein Studium oder eine Ausbildung begann. Zudem konnte es dauern, bis das mit einer Versetzung klappte. Dafür benötigte er einen besoldungsgleichen Tauschpartner.
Er antwortete: Wir reden in Ruhe darüber, wenn es so weit ist. Du weißt ja, dass Lissa mich noch eine Weile in Bielefeld braucht.
Deine Tochter ist erwachsen! Wenn du es ernst meinst, dann zieh jetzt zu mir!, gab Kim zurück.
Ich meine es ernst, aber lass mir Zeit, um alles zu regeln. Auch das mit der Versetzung wird nicht sofort funktionieren. Ist denn schon sicher, dass du das Haus behalten kannst?, hatte er getippt. Seines Wissens war das Testament noch nicht eröffnet worden. Oder hatte Kim sich schon im Vorfeld mit diesem Philipp geeinigt?
Zeit wofür? Für diese Schlampe, mit der du in Bielefeld zusammen bist?
Als er das las, traute er seinen Augen kaum. Schlampe. Offensichtlich hatte Kim ihr Misstrauen bisher verborgen. Sie war Juli am Neujahrstag begegnet, und sicher, beim vermissten Ohrhänger würde auch der Gutgläubigste aufhorchen. Kim hatte scheinbar gelassen reagiert. Er wusste von früher, dass sie zu Eifersucht neigte und ihre Stimmung von einem Moment auf den anderen kippen konnte. Genau das war jetzt passiert. Er hatte sich die Finger wundgetippt, um ihr klarzumachen, dass Juli nur eine Kollegin sei und mit einem Laufkumpel flirtete, doch sie warf ihm Lügen vor.